STUDIENGEBÜHREN – neue Hürde für sozial Schwächere

Das Parlament hat am 23. November 2000 mit den Stimmen der Regierungsparteien FPÖ und ÖVP die Einführung von Studiengebühren beschlossen. In Kraft tritt diese Regelung mit dem Wintersemester 2001/02. Das bedeutet, dass nach drei Jahrzehnten freien Hochschulzugangs wieder finanzielle Hürden errichtet werden.


Gegen Studiengebühren spricht vor allem die Tatsache, dass

  • zusätzliche Gebühren von 10.000,-- öS im Jahr pro studierendem Kind besonders Eltern mit niedrigem Einkommen davon abhält, ihre Kinder studieren zu lassen
  • davon in erster Linie wieder die Töchter betroffen sein werden

Für Studiengebühren wird argumentiert, dass

  • sich dadurch die Qualität der Universitäten verbessert
  • die Studienzeiten verkürzen
  • es Begleitmaßnahmen zur "sozialen Abfederung" gebe

Alle drei Argumente sind zu relativieren, wenn man sich die Situation genauer ansieht.

Fakten
Fazit
Zitate




F A K T E N

  • Derzeit sind rund 230.000 Studierende an Universitäten und 12.000 Studierende an Fachhochschulen inskribiert.
      Rund ein Drittel davon studiert neben Beruf oder Kindererziehung (1% haben ein oder mehrere Kinder) und ist nicht regelmäßig an der Uni. Solche Studierende sind KEINE Belastung, sondern bildungspolitisch gewollt.

  • 30.000 Studierende beziehen Studienbeihilfe
  • Voraussetzung dafür: soziale Bedürftigkeit und strenger Leistungsnachweis.
  • Studien beweisen, dass StudentInnen mit Stipendien deutlich kürzer studieren als andere.

  • Ursachen für überdurchschnittliche Studienzeit
  • In Österreich gibt es im Gegensatz zu allen anderen Ländern noch keine dreijährigen Studienangebote an den Universitäten und Fachhochschulen.
  • Es gibt keine speziellen Studienangebote für Berufstätige an Universitäten.
  • Ein gutes Drittel ist nicht VollzeitstudentIn, sondern arbeitet, erzieht Kinder oder ist SeniorIn und braucht daher länger.
  • Das Leistungsangebot an den Universitäten läßt ein rasches Studieren nicht immer zu (Vorlesungen entfallen, Prüfungstermine werden abgesagt usw.).

  • 8% AkademikerInnenquote
      Österreich hat im OECD-Vergleich eine sehr geringe Quote an HochschulabsolventInnen. Eine wissensbasierte Gesellschaft, die in Forschung investiert und ein Land mit hohen sozialen Standards – das nicht Billiglohnland werden will – braucht viele Menschen mit höherer Bildung.

  • Studiengebühren betreffen nicht nur wohlhabende Familien
    • Mehr als die Hälfte der Eltern von Studierenden verfügen über ein Einkommen unter 30.000,-- öS netto pro Monat.
    • Fast ein Drittel der Studierenden kommt aus Familien mit weniger als 20.000,-- öS netto Haushaltseinkommen pro Monat.
    • Mehr als die Hälfte der Studierenden stammt aus Familien, in denen beide Elternteile keine Matura haben. Für diese Studierenden sind Studiengebühren ein Abschreckungseffekt und verhindern den sozialen Aufstieg.

  • Studiengebühren benachteiligen Studierende aus einkommensschwächeren Schichten
  • Kinder aus ArbeitnehmerInnenhaushalten ziehen bei der Berechnung der Stipendienhöhe gegenüber Selbständigen und Landwirten aufgrund der Einkommensberechnung nach wie vor den Kürzeren. Studiengebühren vergrößern diese Ungerechtigkeit.

  • Es gibt KEINE soziale Abfederung der Studiengebühren für Personen mit einem mittleren Einkommen
  • Eine Ausweitung des StipendienbezieherInnen-Kreises um 10.000 wird es trotz Beteuerungen der Bildungsministerin nicht geben.
  • Wer bis jetzt keine finanzielle Unterstützung des Staates erhielt, wird künftig 5.000,-- öS pro Semester an Studiengebühren zahlen – ohne "soziale Abfederung".
  • Die Konsequenz daraus: Um sich das Studium zu finanzieren, werden Studierende vermehrt Jobs annehmen, wodurch sich die Studiendauer verlängert.

  • Studierende verfügen durchschnittlich über 8.900,-- öS pro Monat
    inkl. Familienunterstützung, Beihilfen, Einkommen aus Erwerbstätigkeit – Bericht zur sozialen Lage der Studierenden, 1999).

  • Jede Studentin, jeder Student kostet dem Staat 40.000,-- öS / Jahr
  • Aus dem Budget aller SteuerzahlerInnen kommen pro StudentIn und Jahr rund 40.000,-- öS hinzu, nicht die kolportierten 100.000,-- öS.
  • Seriöse Berechnungen bereinigen die Lehrkosten an den Unis um die Kosten für Forschung und klinischen Mehraufwand (vgl. dazu Studie von Sturn/Wohlfahrt).

  • Studium und Berufstätigkeit
  • Rund die Hälfte der Studierenden arbeitet während des Semesters.
  • Der Großteil der Studierenden, die während des Semesters nicht arbeiten, sind in den Ferien berufstätig.
  • Den höchsten Anteil unter den Vollerwerbstätigen haben StudentInnen aus ArbeiterInnen-Familien (16%)
  • AkademikerInnen zahlen über Einkommens- und Lohnsteuer nahezu die gesamten während des Studiums vom Staat erhaltenen "Subventionen" (gebührenfreies Lehrangebot, Transfers) zurück.
    (Quelle: Studie von Sturn/Wohlfahrt: Der gebührenfreie Hochschulzugang und seine Alternativen, 1999).



F A Z I T

  • Dem fünftreichsten Staat der Welt muss es wert sein, in die Zukunft zu investieren.
  • Berufstätige Studierende wären durch längere Studienzeiten von den Studiengebühren besonders betroffen. Unsere Universitäten müssen aber auch Berufstätigen offen stehen (Stichwort Lebenslanges Lernen).
  • Lernen und Studieren dürfen kein Privileg für "Reiche" sein.
  • Der bildungspolitische Schaden übersteigt den Nutzen fürs Budget.
    (Verfassungsrechtler Bernd-Christian Funk)
  • Studiengebühren bringen eine Reduktion der AkademikerInnenquote mit sich.
    (Volkswirt Richard Sturn, Uni Graz)



Z I T A T E

Bildungsministerin Gehrer:
"Es ist nicht mein Anliegen, Studiengebühren für eine Grundausbildung einzuführen. Ich meine, es ist Aufgabe des Steuerzahlers, die Bildungsangebote in Österreich von der Volksschule bis zu einem Doktorat zu bezahlen."
1. März 2000, die Presse

Bundeskanzler Schüssel:
"Die (Studiengebühren, Anm.) haben wir uns nicht vorgenommen. Ich bin für Aufstieg durch Bildung, weil ich selbst aus bescheidenen Verhältnissen komme."
Mai 2000, bei einem Besuch in einem Gymnasium


Finanzminister Grasser im Rahmen der FP-Klubklausur:
Über die Proteste gegen die Studiengebühren sei er "amüsiert", da es kein leistungsfeindlicheres System als das derzeitige gebe.
29. September 2000, die Presse


derselbe in einem Interview:
10.000.-- Schilling im Jahr sind geradezu eine Lächerlichkeit"
scope 2001/01


Studiengebühren vermindern die Zugangsmöglichkeiten sozial schwächerer Personengruppen zu den Universitäten und werden daher abgelehnt. (aus SPÖ-Bildungsprogramm 1998)