Heute die Universität, morgen das ganze Land.
Sorgt die Demokratie in Österreich automatisch für Qualität?
Mit den letzten Vorschlägen des Ministeriums im Rahmen der sogenannten
Universitätsreform hat die Serie der regierungsfreundlichen Umgestaltungen
einen neuen Höhepunkt erreicht. In diesem Zusammenhang brachte die
Frage der Ministerin nach der wissenschaftspolitischen Relevanz von "Demokratie
an der Uni" (zit. in Profil extra, September 2001, 13) einen Gedanken
auf den Punkt, der meines Wissens von Schwarzblau bisher noch nie so deutlich
formuliert worden war, auch wenn er fugenlos in das Bild der innenpolitischen
Entwicklung unseres Landes hineinpaßt. Mit dieser Formulierung ist
klargestellt, daß der in den behördlichen Schriften zur Universitätsreform
praktizierte Diskurs von der Effizienzsteigerung und der Wettbewerbsfähigkeit
einem Anliegen der Umstrukturierung dient, das, wenn man die von ihm eröffneten
Perspektiven konsequent durchdenkt, auf eine Veränderung unserer
Gesellschaft in Richtung mehr Hierarchie und mehr Autoritarismus hinzielt.
Demokratie macht Mühe, kann auch störend wirken, wenn es darum
geht, ein Land für den internationalen Konkurrenzkampf der Volkswirtschaften
aufzurüsten. Freilich hat einmal ein intelligenter Konservativer
gesagt, daß - bei all ihren Nachteilen - Demokratie letztlich doch
den anderen Formen des politischen Lebens vorzuziehen sei. Aber das ist
lange her. Was sich derzeit in Österreich abspielt, das ist mehr
als politische Akzentsetzung durch gerade an der Macht befindliche Parteien.
Es handelt sich vielmehr um so etwas wie eine langsame (aber sich beschleunigende)
Kulturrevolution, deren Orientierung in den Universitätsdiskussionen
der Gegenwart besonders klar zum Ausdruck kommt.
Was bisher von paritätisch beschickten Gremien in Instituten und
Fakultäten erarbeitet wurde, soll in Hinkunft durch Entscheidungsprozesse
an der Spitze (Rektor, Beirat aus Wirtschaft, Politik und Ministerialbürokratie,
unbefristet bestellte ProfessorInnen) geregelt werden. Zur Rechtfertigung
dieses Wandels werden seit langem immer wieder dieselben Argumente vorgebracht:
Die Universität muß von den zeitraubenden Kommissionssitzungen
befreit werden, damit Forschung und Lehre sich auf dynamischere und schlagkräftigere
Weise entfalten können. Die unipolitischen Machtpositionen von Funktionären
und pragmatisierten Pseudowissenschaftern, die durch fachlich nicht zu
rechtfertigende Mehrheitsentscheidungen Einfluß nehmen, müssen
endlich der Entscheidungsgewalt der Höchstqualifizierten, die dem
rauhen Wind internationaler Ausleseverfahren standgehalten haben, weichen.
Ein solcher Diskurs erinnert frappant an jenen, demzufolge der Österreichische
Gewerkschaftsbund von Bonzen beherrscht wird, oder an die Rede von der
Verkrustung der politischen Landschaft Österreichs vor der erlösenden
Wende von 1999-2000. Einzelne Fehlentwicklungen werden nicht zum Anlaß
genommen, systemintern nach Abhilfe zu suchen, sie dienen vielmehr als
polemische Munition für die Verbreitung von Viertel oder Achtelwahrheiten,
d. h. in letzter Instanz zur Rechtfertigung für die Ersetzung eines
Systems durch ein anderes.
Es soll gar nicht bestritten werden, daß das Ringen um Entscheidungen
viel Zeit und Nerven kostet. In den Gremien der Universität wurde
und wird gestritten und intrigiert. Konflikte hinterlassen Verletzungen,
Beschlüsse erweisen sich manchmal als Fehlgriffe. Aber es gibt auch
die Sternstunden des erfolgreichen Sich-Zusammenraufens. Und im Alltag
der Fakultät bzw. Institutspolitik, so wie sie der Untezeichnete
jahrzehntelang erlebt hat, dominiert die sorgfältige und von Verantwortungsbewußtsein
getragene Schwerarbeit im Dienste angestrebter Optimierung des Wissenschaftsbetriebes.
Alle Beteiligten Studierende, Mittelbauangehörige, ProfessorInnen,
waren bisher gezwungen, ihre Argumente abzuwägen, bei anderen Gruppen
um Zustimmung zu werben, sich an egoismusbegrenzende Spielregeln zu halten.
Es gab eine Öffentlichkeit des Instituts, der Fakultät, der
Universität, welche die Wahrnehmung der anderen als Menschen mit
ihren Problemen und Widersprüchen erzwang. In diesem Rahmen konnte
die Überzeugung erwachsen, Wissenschaft sei mehr als Produktion von
Publikationen, Kongreßmanagment und Karrierebastelei. Es konnte
vieles passieren, sogar daß sich Studierende und Mittelbauangehörige
durch Sachkenntnis und Klugheit hervortaten, daß sich ProfessorInnen
weniger auszeichneten. Es lag nahe, Hochschuldemokratie als Teil des akademischen
Bildungsauftrages zu interpretieren.
Nun soll alles anders werden. Wenn die geplante Reform realisiert werden
sollte, so wie es die Regierenden und einige ProfessorInnen wollen, die
zu wissen glauben, wie der akademische Hase in den USA und in Deutschland
läuft, werden die partnerschaftlichen Komponenten im Leben der österreichischen
Universitäten sehr weitgehend zugunsten einer obrigkeitlich geprägten
Willensbildung in den Hintergrund treten. Generationen von Nachwuchskräften
werden sich vielleicht daran gewöhnen, als "Menschenmaterial"
behandelt zu werden und alle ihre Kräfte in den Dienst des Sich-Anpassens,
Intrigierens und Karrieremachens zu stellen. Der auf diese Weise herangezüchtete
Macher-Typus wird natürlich die neuen Fachleute und Führungskräfte
im Bereich von Politik und Gesellschaft prägen. Auf diese Weise wird
sich die Frage, was denn eigentlich hinter dem Schlagwort von der Freiheit
der Wissenschaft stecke, nach und nach erübrigen.
Univ. Prof. Dr. Fritz Peter Kirsch
Institut für Romanistik der Universität Wien
|