ARTENSTERBEN IN DER FORSCHUNG?In einem Offenen Brief (3. Mai 2002) an Bildungsministerin Elisabeth Gehrer machen mehr als 135 WissenschafterInnen mit Besorgnis darauf aufmerksam, dass die österreichische Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung auf die rote Liste gerutscht ist. Grund dafür sei die durch den Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT) bevorzugte Förderung von "Forschungsprogrammen des schnellen Geldes". Offener Brief:Die unterzeichneten Wissenschafter und Wissenschafterinnen müssen mit Sorge, Empörung und Trauer zur Kenntnis nehmen, dass die österreichische Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung auf die rote Liste gerutscht ist. Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung hat die Forschungsmilliarden vorwiegend in Richtung Ökonomie, Technologie und Gentechnik disponiert. Forschungsprogramme des schnellen Geldes sind zum Zug gekommen. Die "sozialökologische Zukunftsforschung Österreich", ein bestens vorbereitetes Forschungsprogramm, das auf der international anerkannten österreichischen Kulturlandschaftsforschung aufbaut, ging leer aus. Der Rat für Forschung empfiehlt, die ökologische Zukunftsforschung "in die Aktivitäten des Landwirtschaftsministeriums zu integrieren". Natürlich weiß jeder, dass das Landwirtschaftsministerium weder über die Strukturen noch über die Mittel verfügt, die dieses Programm tragen könnten. Ohne nationales Programm geht aber auch in der EU nichts aus der Traum! Zerfleddert wäre damit ein lang etabliertes prägendes Feld, eine Art Fruchtfolge österreichischer Forschung: zunächst Waldschadensforschung, dann Kulturlandschaftsforschung, schließlich sozialökologische Zukunftsforschung; federführend in dieser Kette Ihre hervorragende Abteilung "Umweltwissenschaften" (bald Besenkammerl?). Soll diesem Feld, in Deutschland wohlbestellt, nun in Österreich das Wasser abgegraben, der Garaus gemacht werden? Nein, das darf nicht geschehn! Zu groß wären die nationalen und internationalen Verluste an Erfahrung, Wissen, Kooperation und Präsenz, zu groß die Zerstörung wissenschaftlichen Potenzials, die Reputations- und Vertrauensschäden, zu brisant wären die langfristigen Folgen. Wir gehen zunächst davon aus, dass die Empfehlung des Rates das
ist, was sie zu sein hat, eine "Empfehlung" bloß, nicht
die Vorwegnahme Ihrer forschungspolitischen Entscheidung. Deshalb ersuchen
wir Sie, verehrte Frau Bundesministerin, diese Empfehlung mit den Fachleuten
Ihres Hauses und auch mit uns nochmals zu überdenken und ihr
nicht zu folgen. Nicht umsonst ist das sozialökologische Forschungsparadigma in § 1 Abs 1 UOG prominent vertreten und lang ist's her als Staatszielbestimmung "umfassender Umweltschutz" in der österreichischen Bundesverfassung verankert worden. Das sind die Instrumente, die Ihnen, Frau Bundesministerin, in die Hände gegeben sind. Eine gerechte, weitblickende Forschungspolitik sollte nicht nur fördern, was sich schnell rechnet und sich im Tonfall des Kapitalmarktes verhält. Es sollte eine Forschungspolitik der Balance und Bedächtigkeit, der großzügigen Weiträumigkeit und vor allem der tiefergehenden Fragen sein: Wie können wir verträglich wirtschaften, wie die Beziehung zwischen Gesellschaft und Natur langfristig gestalten wohin geht die Reise? Kein guter Rat, der die "sozialökologische Zukunftsforschung Österreich" ausbootet und dadurch die Legitimität der Forschungspolitik in Zweifel zieht. Aus wissenschaftlicher Sicht bürgen wir für die Qualität dieses Programms und ersuchen Sie eindringlich, das notwendige Sonderbudget zur Verfügung zu stellen. Wissenschaftliches Kapital sollte nicht auf's Spiel gesetzt werden. Prof. Maria Nicolini, Universität Klagenfurt Klagenfurt, 3. Mai 2002 135 Wissenschafter und Wissenschafterinnen haben bisher diesen Brief unterzeichnet. Laufend treffen noch Sympathiekundgebungen ein. |