18. Juni 2003: Plenardebatte Budget 2003/04 Kapitel Bildung
Redebeitrag von SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser
Nach der Diskussion über die Innovation in die Technik kommen wir
nun zur Innovation in den Köpfen, zur Bildungspolitik.
Heute früh hat uns neuerlich ein dringender Hilferuf aus einer Handelsakademie
für Berufstätige erreicht. Die Maturantinnen und Maturanten
befürchten, dass durch die Stundenkürzungen die internationale
Anerkennung ihrer Matura gefährdet ist. Und in der Tat: Die Kürzungen
bei den Unterrichtsstunden, speziell bei den Schulen für Berufstätige,
die ohnehin eine sehr, sehr knappe Stundentafel gehabt haben, sind das
beste Beispiel dafür, dass es hier ausschließlich um Einsparungen
und nicht um Entlastungen gegangen ist.
Mit diesem Sparkurs steht die Zukunft von Bildung, Wissenschaft und Forschung
und damit auch die Zukunft unseres Landes auf dem Spiel. Sie haben, Frau
Ministerin Gehrer, den Sparkurs bei der Bildung in einer Pressekonferenz
auch zugegeben und davon gesprochen, dass man jetzt eben den Speck hernehmen
müsse, der in guten Zeiten angesammelt wurde. Das, Frau Ministerin,
war noch ehrlich, und wir haben das auch registriert.
Umso verwerflicher ist es, dass der Finanzminister uns mit Kontenverschiebungen
weismachen wollte, dass das Budget für Wissenschaft und Forschung
seit 1999 verdoppelt worden sei, und ich war entsetzt, als letzte Woche
auch der Herr Bundeskanzler selbst diese Zahlen noch einmal so wiederholt
hat.
Das ist kein seriöser Umgang mit dem Parlament. Wir erwarten ein
Mindestmaß an Ehrlichkeit, nicht nur von einem Regierungsmitglied,
sondern von der ganzen Regierung.
Sie betonen dauernd und werden das sicher heute auch wieder tun
, Bildung sei ein Schwerpunkt dieses Budgets. Was bringt nun dieser
Schwerpunkt tatsächlich? Über 6 000 Lehrerinnen und Lehrer wurden
eingespart und werden noch eingespart werden, der Bund sperrt seine Förderungsstellen
für Erwachsenenbildung zu und schickt einen beträchtlichen Teil
des Personals in Frühpension. Meine Kolleginnen und Kollegen
werden Ihnen noch weitere Beispiel für diesen Sparkurs liefern.
Bildung und Wissenschaft sind also kein Schwerpunkt, sondern ein Schwachpunkt
dieses Budgets und ein Schwachpunkt dieser schwarz-blauen Regierung. Das
ist für uns von der SPÖ, einer Bildungspartei, ein wichtiger
Grund, dem Budget keine Zustimmung zu geben.
Wenden wir uns nun etwas Erfreulicherem zu, der Zukunftskommission. Sie
soll die Schule neu denken. Der Autor des gleichnamigen Buches,
Hartmut von Hentig, hat dem einen Untertitel hinzugefügt: Eine
Übung in pädagogischer Vernunft.
Das war auch immer unsere Herangehensweise in der Bildungspolitik, und
die Vernunft sagt uns, dass es falsch und ungerecht ist, wenn rund 15
Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Schule und teilweise durch
die Schule ihre Chance auf die Zukunft verbaut bekommen. Dazu rechne ich
jene, die nicht lesen können, wenn sie mit der Schule fertig sind,
jene Kinder aus bildungsfernen Schichten oder geistig und körperlich
benachteiligte, aber auch einfach unangepasste Kinder. Wir können
uns das gesellschaftlich und wirtschaftlich nicht leisten.
Die Vernunft sagt uns auch, dass wir Schulen brauchen, welche die Unterschiede
und Ungleichheiten, die in einer Gesellschaft vorherrschend sind, nicht
verstärken, sondern Schulen, die dazu beitragen, diese Ungleichheiten
abzubauen.
Die Vernunft sagt uns weiters, dass wir den Anteil der Frauen an der
Beschäftigung an den EU-Schnitt heranführen müssen und
dass es dabei schon eine Rolle spielt, ob die Kinder um 12 Uhr oder um
16 Uhr nach Hause kommen.
Bei einer Umfrage in Oberösterreich und Wien haben sich rund drei
Viertel der Eltern dafür ausgesprochen, die Angebote an ganztägigen
Schulen in ihren verschiedensten Formen auszubauen, und in einem größer
werdenden Europa sind wir gut beraten, von jenen zu lernen, die in diesen
Vergleichsstudien vor uns liegen. Alle Länder, die in der PISA-Studie
vor uns liegen, haben Schulen, die ganztägig geführt werden,
und alle, die vor uns liegen, verzichten auf eine frühe Entscheidung
über die Bildungslaufbahn der Kinder mit dem zehnten Lebensjahr.
Sie sorgen für motivierte Lehrerinnen und Lehrer, die in Teams arbeiten,
haben durchwegs autonomere Schulen, eine gute Aus- und Weiterbildung in
Didaktik und eine ständige Überprüfung des Lehrplanes.
Sie haben für all das kein Geld, und bei dem, was nichts kosten
würde, setzen Sie aus ideologischen Bedenken immer noch nicht die
richtigen Prioritäten.
Das heutige NEWS, Frau Ministerin und das hat mich
an sich gar nicht gefreut führt Sie unter Sitzenbleibern an
und schreibt: Schlechte Noten für die Schulherrin. 47 Prozent
verpassen der Ministerin einen Vierer oder Fünfer. Das ist hart,
aber nicht unverdient. Ich füge nur hinzu: Ersparen Sie uns
allen die Wiederholungsprüfung!
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