Fest der Wissenschaft - Dialog oder Spektakel?
Norbert Rozsenich, ehemaliger Sektionschef im Forschungsministerium macht
sich darüber seine Gedanken ...
Montag, 15. März 2004. Der Präsident des Nationalrates
Andreas Khol beehrte sich, gemeinsam mit Vizekanzler Hubert Gorbach zu
einem Fest der Wissenschaft ins Parlament (mit anschließendem Buffet
in der Säulenhalle) einzuladen.
Wie Rainer Gerold, Leiter des Direktorates "Wissenschaft und Gesellschaft"
der Generaldirektion Forschung der EU-Kommission in seinem Festvortrag
zu Recht hervorhob, sollte ein Fest der Wissenschaft dazu dienen, den
Dialog der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit zu verbessern. Über
das Öffentlichkeitsverständnis der Veranstalter wurde man bereits
in der Einladung belehrt, denn zutrittsberechtigt waren nur geladene Teilnehmer
gegen "Vorweis der Einladungskarte in Verbindung mit einem amtlichen
Lichtbildausweis".
Klingt trotzdem gut. Dachte ich mir zunächst. Ich kam mir irgendwie
privilegiert vor, hatte ich doch erstens dank meiner noch relativ guten
Beziehungen zur Beamtenschaft eine Originaleinladung erhalten - Kopien
von Einladungen werden von den gestrengen Parlamentsportieren nämlich
nicht akzeptiert. Und ich hatte zweitens auch nicht vergessen, einen amtlichen
Lichtbildausweis mitzunehmen.
Der erhebenden Begrüßungsrede des Nationalratspräsidenten
entströmte unbändiges verbales Wohlwollen gegenüber den
Anliegen von Wissenschaft und Forschung, gepaart mit der inbrünstigen
Willensbekundung, "durch ein Fest der Forschung ein wirkliches
Fest der Forschung zu generieren". Spätestens nach dieser
mit viel Empathie vorgetragenen Kholschen Sprachblüte war klar,
dass diesmal wohl nur ein virtuelles Fest der Forschung auf der Tagesordnung
stand - es kam ja auch kein einziger Wissenschafter zu Wort. Auch nicht
der anwesende Präsident des FWF, Georg Wick, dem von freundlichen
Platzanweiserinnen ein Stehplatz in einem Nebenraum zugewiesen worden
war, wo er die erhebenden Festreden auf einer Leinwand mitverfolgen durfte.
Aber vermutlich hätte seine berechtigte Kritik, dass die Grundlagenforschung
soeben von jener Regierung finanziell ausgetrocknet wird, die vorgibt,
Wissenschaft und Forschung "wie nie zuvor" prioritär
zu fördern, den festlichen Charakter der geschlossenen, weihrauchdurchtränkten
Festversammlung erheblich gestört.
Ein Fest der Wissenschaft ohne Wissenschafter?
Klingt weniger gut. Dachte ich mir. Das Ganze klingt auch irgendwie nach
Plagiat. Denn bereits im Juni 2002 hatte die Universität Innsbruck
anlässlich der ScienceWeek@Austria aus eigener Initiative ein großartiges
Fest der Wissenschaft am Areal der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
veranstaltet, das wirklich sehenswert war und zu dem nicht nur eine closed
shop community mit Lichtbildausweis sondern die gesamte interessierte
Öffentlichkeit eingeladen war. Die Anwesenden bei der gestrigen Veranstaltung
wurden aber aufgeklärt, dass es sich diesmal "nur"
um ein so genanntes "kick-off-event" handelt. Nomen est
omen. Ich verstehe! Wenn aber das eigentliche Fest noch gar nicht stattfand,
wozu dann das teure Buffet, um dessen Gegenwert man schätzungsweise
ein halbes Jahresstipendium für einen jungen Diplomanden oder Dissertanten
finanzieren hätte können?
BMVIT - Fest der Wissenschaft: Warum?
Dieser literarisch so überaus feinfühlige Titel, den irgendein
verkanntes PR-Genie aus dem Ministerbüro ersonnen haben mag, stand
am Beginn der anschließenden Rede des für Innovation und Technologie
zuständigen Ministers Hubert Gorbach. Leider wurde ich wieder enttäuscht.
Was die illustre Festgemeinde zu hören bekam, war nichts anderes
als eine Aneinanderreihung von wenig originellen Gemeinplätzen, von
denen ich im Folgenden einige der markantesten Kostproben wörtlich
zitieren möchte:
"
ich trete gerne als Forschungsminister auf".
Davon war bisher nichts zu bemerken. Gorbach hat erst kürzlich trotz
mehrfacher Bitten seitens der Veranstalter seine Teilnahme an einer Podiumsdiskussion
"Zukunft kann man nicht sparen - Wissenschaft nachhaltig"
verweigert, die am 8. März in einem großen Hörsaal im
AKH unter Beteiligung prominenter Persönlichkeiten aus dem Forschungsbereich,
wie z.B. der Präsidentin des Schweizerischen Nationalfonds, Heidi
Diggelmann, stattgefunden hat. Eine besondere Missachtung des hochkarätigen
Podiums und der rund 400 anwesenden UniversitätslehrerInnen und StudentInnen
war das Faktum, dass auch der von Gorbach mit seiner Vertretung beauftragte
Ministersekretär Andreas Reichhardt trotz Zusage unentschuldigt der
Veranstaltung ferngeblieben war.
"
wir müssen der Wissenschaft den Stellenwert einräumen,
der ihr gebührt".
Diese Aussage kann nur als blanker Zynismus eingestuft werden, wenn man
bedenkt, dass soeben unter Gorbachs Regime die Finanzierung der langfristig
so wichtigen Grundlagenforschung weiterhin systematisch und nachhaltig
beschädigt wird. Siehe:
http://www.fwf.ac.at/de/press/jahrespressekonferenz_2004.html
die Science Week war ein erster Schritt, aber wir dürfen
uns auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen".
Wenn den Initiatoren und Organisatoren der in früheren Jahren vom
BMVIT und BMBWK gemeinsam finanzierten Science Weeks zu Recht ein Lorbeerkranz
gebührt, wieso wurde dann vom BMVIT die Fortsetzung einer angemessenen
Förderung der ScienceWeek@Austria ab 2003 mutwillig gestoppt?
"
einen Probegalopp des Fests der Wissenschaft gemeinsam mit
dem BMBWK wird es schon in diesem Herbst geben".
Warum wurde das primär für Wissenschaftsangelegenheiten zuständige
BMBWK nicht schon viel früher in die Vorbereitungen dieses "BMVIT-Fests"
mit einbezogen? Elisabeth Gehrer saß zwar mit versteinerter Miene
in der ersten Reihe, kam aber ebenso wie die zahlreich erschienenen Magnifizenzen
und Spektabilitäten ebenfalls in der Rednerliste nicht vor.
"
wir benötigen ein zentrales Spektakel, um Aufmerksamkeit
zu erregen".
Die wissenschaftlichen Einrichtungen, Fonds und Universitäten benötigen,
um sich trotz des von oben verordneten Reformdrucks gedeihlich entwickeln
zu können, keine spektakelartigen Feste unter zentraler Regie. Sie
brauchen auch keine Wort- und Buffetspenden bei elitär organisierten
Festivitäten sondern verlässliche Partner in der Forschungs-
und Wissenschaftspolitik und eine langfristige budgetäre Planungssicherheit,
um die erfreulicher Weise steigende Anzahl von hochwertigen Initiativen
und Projektanträgen, die aus der scientific community selber kommen,
finanziell bedecken zu können.
Ich zog es daher vor, noch vor Eröffnung des reichhaltigen Buffets
diese missglückte Generalprobe eines Fests der Wissenschaft zu verlassen,
die im Verlauf des Abends immer mehr zu einem makabren Spektakel voller
Plattitüden und Peinlichkeiten verkümmert war. Und was das Schlimmste
daran ist: Dieser Schwachsinn wird auch noch auf ausdrückliche Empfehlung
des Rates für Forschung und Technologieentwicklung aus jenen Sondermitteln
der Bundesregierung gefördert, die eigentlich - so dachte ich ursprünglich
- ungeschmälert den operativ tätigen österreichischen Forscherinnen
und Forscher zu Gute kommen sollte.
Wien, am 17. März 2004
Norbert Rozsenich
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