Vorweg eine Klarstellung: Gegen die Studiengebühren kämpft vor allem die Studentenorganisation der SPÖ (und einiger anderer Parteien, beschlossen wurden sie von ÖVP und FPÖ), finanziell betroffen sind aber vor allem die Eltern der Studierenden und unter diesen jene, die ein mittleres oder geringes Einkommen haben.
Die Ankündigung vor der Nationalratswahl, die Studiengebühren abschaffen zu wollen, hat sicherlich einige tausend Stimmen zusätzlich für die SPÖ gebracht. Das Koalitionsabkommen ohne Abschaffung der Studiengebühren hat der SPÖ ein Vielfaches dieser Stimmen gekostet und zwar für Jahre!
Der „Kompromiss“, dass bestimmte gemeinnützige Tätigkeiten im Ausmaß von 60 Stunden je Semester eine Refundierung der Studienbeiträge bewirken, kam für viele überraschend. Die Idee stammt aber weder von Alfred Gusenbauer, noch von Wolfgang Schüssel, sondern entspricht einem israelischen Modell, welches dort vor Jahrzehnten begonnen wurde und wegen des beachtlichen Erfolges inzwischen in rund 20 Staaten verbreitet ist. Konkret damit vertraut gemacht wurde Alfred Gusenbauer in einem Gespräch mit Haim Harari im Sommer 2006. Harari ist der wichtigste Berater der österreichischen Bundesregierung bei der Errichtung des „Austrian Institut of Science and Technology in Maria Gugging“ (bekannt geworden unter dem selbstverliehenen Titel „Eliteunviersität“) und wurde seinerzeit von Wolfgang Schüssel und Elisabeth Gehrer für diese Tätigkeit gewonnen. Er ist einer der international renommiertesten Wissenschafter und wurde mit 26 Jahren der jüngste Physikprofessor aller Zeiten am Weizmann Institut und war 13 Jahre Präsident dieses Instituts.
Hauptthema des Gesprächs mit Alfred Gusenbauer waren seine Pläne für das ISTA, ein Nebenthema die Frage, weshalb er denn nicht daran denke, als Alternative zur Abschaffung der Studiengebühren das israelische Mentorinprogramm zu übernehmen.
Harari begründete Mitte der 70er Jahre das Programm „Perach“, an dem heute rund 30.000 Studierende in Israel teilnehmen. Die Idee dahinter: Studenten aus begüterten Familien unterstützen lernschwache Kinder aus armen Familien, sehr gut beschrieben in einer Aussendung des Weizmann Instituts vom 7.5.1998: „Man nehme: eine Reihe vergnügungshungriger israelischer Studienanfänger und einen zwölfjährigen, frischgebackenen Neueinwanderer aus Russland, ein benachteiligtes Kind, dessen Vater im Gefängnis sitzt, ein äthiopisches Einwanderermädchen, das in einem überbelegten, heruntergekommenen Containerhaus wohnt und das noch nie im Kino oder im Freibad war. Man ordne sie paarweise und gebe ihnen ein Jahr lang zwei gemeinsame Nachmittage in der Woche. Sie erhalten: echte Freundschaften und jede Menge kleiner und grosser Glücksfälle.“
Die Diskussion in Österreich verlief von Anfang an unter keinem günstigen Stern: Die 60 Stunden, errechnet aus den Erfahrungen dessen, was einem Studierenden zeitlich zusätzlich je Semester zumutbar ist, wurden postwendend auf die im internationalen Vergleich niedrige Studiengebühr umgerechnet und die Idee vor allem von den ÖH-VertreterInnen ins Gegenteil verkehrt. Arme Studenten müssten ihrer Ansicht nach SchülerInnen aus noblen und begüterten Familien Nachhilfe geben. Alfred Gusenbauer und Wolfgang Schüssel haben das Projekt alsbald dem Wissenschaftsminister übertragen, dieser wiederum einer interministeriellen Arbeitsgruppe und ich habe den Eindruck, ich bin einer der wenigen, der diese Idee nach wie vor für brauchbar hält, wenn schon die ÖVP nicht für eine Abschaffung der Studiengebühren gewonnen werden kann. Über dieses Thema habe ich gemeinsam mit LH Niessl und den ÖVP-Verhandlern Elisabeth Gehrer und Fritz Neugebauer ausgiebig verhandelt. Mir schien, dass Elisabeth Gehrer dies gar nicht so besonders verteidigt hat aber erklärte, sie habe keinen Spielraum und dasselbe galt für uns als SPÖ-Verhandler, sodass es zu dieser Themenliste kam, die am Ende die beiden Parteivorsitzenden Gusenbauer und Schüssel zu klären hatten.
Wolfgang Schüssel war bewußt, dass er der SPÖ am meisten bei ihren zentralen Wahlversprechen schaden konnte und er hat es getan. Für fatal hielte ich aber, wenn jetzt nicht einmal dieses Programm realisiert würde. Die Grundidee ist vernünftig und anstatt diese ministerielle Gruppe weiter Monate die Realisierung torpedieren zu lassen, sollte Minister Hahn das tun, was eine Reihe anderer Staaten wie Schweden, Neuseeland oder Australien schon zuvor getan haben, die Praktiker aus Israel einzuladen und ihr Programm auch in Österreich umzusetzen.
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