Runder
Tisch zum Thema "Universitäten in der Krise"
Statements von Gusenbauer Fuchs Kothbauer Stuhlpfarrer
Theurl Ardelt Zechlin Skalicky Konrad
Möstl Bast Herbst - Sigmund
(11. Juli 2003) - Im Rahmen des von SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef
Broukal veranstalteten Runden Tisches zum Thema "Universitäten
in der Krise" betonte SPÖ-Bundesparteivorsitzender Alfred Gusenbauer
die Wichtigkeit des Themas für die SPÖ.
Gusenbauer: Öffentlicher Diskurs ist wichtig und notwendig
Österreich verfüge über eine große Anzahl an gut
ausgebildeten Menschen. Um auch in Zukunft im internationalen Wettbewerb
der besten Köpfe mitmischen zu können, bedürfe es einer
genauen Analyse sowohl des Status quo als auch der Ziele und Maßnahmen
für die Zukunft. "Ein öffentlicher Diskurs ist wichtig
und notwendig."
Die SPÖ halte nichts davon, das Rad zurückzudrehen. "Wir
müssen uns mit der Realität, wie sie sich nach der Universitätsreform
darstellt, auseinandersetzen." Oberstes Ziel müsse es sein,
dass Österreichs Universitäten auch in Zukunft ein interessanter
Bezugspunkt in der europäischen Gemeinschaft bleibe.
Fuchs: Image der Studierenden alarmierend
Die neue ÖH-Vorsitzende, Patrice Fuchs, stellte am Runden Tisch
klar, dass die Universitätsreform den Universitäten und ihren
Studierenden massiv geschadet hätten. "Durch die Reform ist
das von uns befürchtete Zweiklassen-Bildungssystem einen gewaltigen
Schritt näher gekommen. Es kann nicht sein, dass in einem Staat wie
Österreich Universitätspolitik nur aus Additionen und Substraktionen
bestünde.
Die soziale Lage der Studierenden interessiert die Politik augenscheinlich
überhaupt nicht. Es müsse umgehend eine Entscheidung darüber
fallen, welches Bildungssystem Österreich in Zukunft seinen jungen
Menschen anbieten wolle.
Kothbauer: Stellenwert der Universitäten muss steigen
Universitätsrat Max Kothbauer stellte fest, dass die Frage der Universitäten
einen wesentlich höheren Stellenwert in der Öffentlichkeit erreichen
müssten. Kothbauer unterstrich, dass der Finanzminister nicht aus
seiner Verantwortung gelassen werden dürfe. Grasser hätte in
seiner Budgetrede mit falschen Zahlen argumentiert.
Für Kothbauer, der die Universitätsreform prinzipiell gut findet,
ist es "unverständlich, dass die Mitbestimmung der Universitäten
zu stark gekürzt" worden sei Die Rektoren müssten sich
dadurch auf Managementfunktionen und nicht auf den Lehrplan konzentrieren.
Laut bislang vorliegenden Zahlen wird das Budget der Universität
Wien heuer um sechs Prozent gekürzt, die Investitionen würden
um 60 Prozent sinken. Damit wäre das Investitionsbudget gegenüber
1999 um 73 Prozent geringer.
Kothbauer forderte einen Mehrjahres-Entwicklungsplan, die Lösung
des Pensionskassensystems für Lehrbeauftragte sowie politische Gespräche
auf höchster Ebene.
Stuhlpfarrer: Universitäten müssen wieder attraktiver Arbeitsplatz
werden!
Der Vizerektor der Universität Klagenfurt, Karl Stuhlpfarrer, stellte
fest, dass kleinere Universitäten aufgrund der Budgetkürzungen
vor zum Teil unlösbare Probleme gestellt werden. So seien an der
Uni Klagenfurt vor kurzer Zeit Reparaturkosten in der Höhe von mehreren
10.000 Euro angefallen, die für die Universität eine unglaubliche
finanzielle Belastung bedeuten würden.
Stuhlpfarrer bezeichnete die fehlende Attraktivität der Universitäten
als Arbeitsplatz als eines der gravierendsten Probleme. Es gibt keine
Anreize für das Personal, die Motivation sei im Keller. Der Vizerektor
erwartet durch die kommenden Kollektivvertragsregelungen für Lehrbeauftragte
große Schwierigkeiten. Der Lehrbetrieb müsse aufrecht erhalten
bleiben, um im Vergleich mit internationalen Universitäten bestehen
zu können, bedürfe es allerdings enormer Investitionen. Stuhlpfarrer
appellierte an die Universitäten "nicht aufzugeben, die Vernetzung
enger werden zu lassen und von der Regierung mehr zu verlangen".
Theurl: Steuerliche Bedingungen für Universitäts-Sponsoring
müssen deutlich verbessert werden
Der Vizerektor der Technischen Universität Graz, Johann Theurl,
stellte fest, dass unter der derzeitigen Budgetsituation vor allem die
Forschung leide. Die TU Graz werde heuer gezwungen, auf jegliche Investitionen
zu verzichten. Dies werde langfristige Auswirkungen haben. Theurl forderte
eine umgehende Neuregelung der steuerlichen Bedingungen für Sponsoren.
Die Unterstützung österreichischer Universitäten müsse
attraktiv gemacht werden. Auch führten bei den bestehenden Regelungen
Drittmittel dazu, dass öffentliche Gelder gekürzt würden.
Vizerektor Theurl stellte darüber hinaus fest, dass die bislang
erfolgte Unterstützung durch den Rat für Forschung und Entwicklung
im heurigen Jahr komplett fehle. Ob die kolportierten Beträge für
die Jahre 2004 bis 2006 so stattfänden, könne erst die Zukunft
zeigen. Trotzdem sprach sich der Vizerektor der TU-Graz gegen Krisenaktionen
aus und forderte, dass die Universitäten die Studiengebühren
des Jahres 2003 erhalten sollten.
Ardelt: Budgetkürzung zwingt zu Einsparungen bei Investitionen
Der Rektor der Johannes-Keppler-Universität Linz Rudolf Ardelt stellte,
live aus Linz zugeschaltet, fest, dass die aktuellen Budgetkürzungen
vor allem Einsparungen bei notwendigen Investitionen nach sich zögen.
Es seien Mehrkosten durch die Implementierung des neuen Dienstrechts entstanden,
aber auch aus Mehraufwendungen durch Gebührenerhöhungen (Post),
demgegenüber stehe ein Budget, das auf dem Niveau von 1998 liege.
Ardelt bedauert die dadurch notwendigen Investitionskürzungen. Die
Universitäten seien dadurch gezwungen, zwischen Lehre und Forschung
zu wählen, was weder im Sinne der Studierenden noch der Universitäten
sei. Die Aussagen der Politik, dass den Universitäten die Studienbeiträge
zur Verfügung stünden, hält Ardelt für zynisch.
Das von der Keppler-Universität in der Vergangenheit forcierte Projekt
"e-learning" habe man aufgrund der Budgetkürzungen zurückstellen
müssen. Ardelt forderte die Erstellung eines Masterplans, der die
Probleme der Gehaltsdynamik ebenso einschließe wie die Frage der
Investitionen.
Zechlin: Klaffende Budgetlücke bereitet Uni Graz enorme Probleme
Der Rektor der Universität Graz, Lothar Zechlin, betonte, dass der
Universität Graz im Jahr 2003 rund sechs Millionen Euro fehlen. Dieser
massiven Budgetkürzung stünde ein zusätzlicher Bedarf für
Gehälter sowie erhöhte Aufwendungen aufgrund der Ausgliederung
der medizinischen Fakultät gegenüber. Besonders dramatisch ist
für den Rektor der Uni Graz, dass eine Planung über mehrere
Jahre derzeit nicht möglich ist. "Die Universitäten haben
keine Ahnung, welches Budget ihnen für das Jahr 2004 zur Verfügung
steht."
Zechlin sprach, live aus Graz zugeschaltet, von einem "Nullsummenspiel"
und von der "ungelösten Frage", wohin beispielsweise die
Beiträge der Studierenden verschwinden. Das Budget der Universität
Graz sei um vier bis sechs Prozent gekürzt worden, laut Angaben der
ÖVP-Ministerin Gehrer sei der Gesamthaushalt des Wissenschaftsministeriums
jedoch nur um ein Prozent gekürzt worden. Auch Zechlin sprach abschließend
den Wunsch aus, den Universitäten in Zukunft längerfristige
Budgets und damit längerfristige Planungsmöglichkeiten zu geben.
Skalicky: Budgetmisere gefährdet Forschung der Universitäten!
Der Rektor der TU Wien, Peter Skalicky, stellte fest, dass bei der aktuellen
Budgetsituation vor allem jene Universitäten leiden würden,
die über jüngeres Personal verfügen. Besonders in Mitleidenschaft
gezogen sei der Bereich der Forschung. Der Rektor der Technischen Universität
Wien befürchtet, dass bei weiteren Kürzungen die Universität
an Attraktivität verlieren werde.
Des weiteren bezeichnete es Skalicky als nicht realistisch, mit den vorhandenen
Rahmenbedingungen das Ziel unter die ersten drei zu kommen, zu erfüllen.
Vergleichszahlen zeigen, dass internationale Universitäten bis zu
fünf mal mehr Budgetmittel zur Verfügung haben. Der Rektor betonte,
dass die Budgetmisere den Handlungsspielraum der Universitäten stark
einschränke und hier vor allem die Forschung zum Handkuss käme.
Konrad: Rahmenbedingungen müssen verbessert werden
Auch Univ.-Prof. Helmut Konrad präsentierte "alarmierende Zahlen
und Fakten". Jeder Institutsangehörige des Grazer Instituts
für Zeitgeschichte bekomme nur zehn Euro seines Gehalts von der öffentlichen
Hand, gebrauchte Ordner habe man geschenkt bekommen. "Sollte diese
dramatische Entwicklung in der Zukunft fortgesetzt werden, muss um die
Stellung Österreichs im internationalen Vergleich gefürchtet
werden."
Würden in Kanada beispielsweise 2,5 Prozent des BIP für Bildungsausgaben
veranschlagt, so beschränkt sich dieses Volumen in Europa auf ein
Prozent. Hinzukommen 0,1 Prozent von privater Seite. Europa wendet also
nicht einmal die Hälfte des Betrages von Kanada auf. Konrad unterstrich
in seinem Statement, dass er die Strukturen der österreichischen
Universitäten im Prinzip für gut halte, wenn diese "mit
Drive und Motivation verbunden wären und nicht mit Mängel und
Kürzungen". "Die Rahmenbedingungen stimmen nicht und müssen
schleunigst verbessert werden."
Möstl: Regierung fordert, zahlt aber nicht
Die Regierung fordere von den österreichischen Universitäten
eine Menge, kürze ihnen aber gleichzeitig die finanziellen Mittel,
stellte Vizerektor ao. Erich Möstl fest. Die erfolgten Umstrukturierungen
hätten Hoffnungen geweckt, die nun nicht erfüllt würden.
So würden beispielsweise der veterinärmedizinischen Fakultät
heuer 13 Millionen Euro für Investitionen fehlen. Problematisch seien
die fehlenden Budgetmittel vor allem auch in Hinblick auf die Zukunft.
Reinvestitionen müssen jetzt passieren.
Möstl kritisierte darüber hinaus, dass aufgrund der Kurzfristigkeit
der Budgets keine längeren Planungen möglich seien. "Wie
sollen die Universitäten kalkulieren, wenn sie ihr Budget für
das nächste Jahr nicht wissen? Es kann nicht der Weisheit letzter
Schluss sein, mit verzweifelten Kraftakten Geld zu lukrieren. Es muss
schnellstens ein Umdenken einsetzen."
Bast: "Schlechtes Klima, frustrierte Lehrende"
Der Rektor der Universität für Angewandte Kunst, Gerald Bast,
erklärte, wie negativ sich das schlechte Klima an den österreichischen
Universitäten auf die Lehrenden auswirke. Die Frustration sei seit
dem Jahr 2000 enorm gestiegen. Die Budgets müssten um 20 bis 40 Prozent
höher sein als sie es derzeit sind. Bast betonte die fehlenden Investitionen
und die negative Entwicklung der Forschung auf österreichischen Universitäten.
Der Rektor forderte die Universitäten auf, sich nicht mehr länger
alles gefallen zu lassen. So müssten beispielsweise die Kosten der
Implementierung des neuen Dienstrechts in jedem Fall abgegolten werden.
Bast wies auch die Aussagen des Finanzministers betreffend "der Speck
muss weg" auf das Schärfste zurück. "So kann es jedenfalls
nicht weitergehen, dass die Universitätsbudgets gekürzt werden
und die Rektoren Manager spielen müssten." Abschließend
forderte Bast in Anspielung auf die Abfangjäger für die Universitäten
das gleiche wie für das Bundesheer: "Nur das Teuerste"
könne genügen.
Herbst: Strukturelle Nachteile für österreichische Universitäten!
Der stv. Rektor der Akademie der Bildenden Künste, Michael Herbst,
stellte fest, dass vor allem kleinere Universitäten in Österreich
strukturelle Nachteile in Kauf nehmen müssten. 90 Prozent stecke
die Akademie der Bildenden Künste in die Aufrechterhaltung des Betriebs,
nur zehn Prozent könne für innovative Maßnahmen verwendet
werden. "Kunstuniversitäten haben einen hohen Personalaufwand.
Es können einfach nicht 120 Studierende gleichzeitig ein Instrument
spielen", machte Herbst deutlich.
Herbst stellte darüber hinaus fest, dass auch die Frage gestattet
sein müsse, wie viel der Öffentlichkeit die Universitäten
wert seien. Die Motivation der Lehrenden sinke aus verständlichen
Gründen. So würden beispielsweise notwendige Mehrleistungen
nur mehr zur Hälfte abgegolten.
Herbst ist pessimistisch, was die zukünftige Entwicklung betrifft,
"Versprechen wurden schon bislang nicht erfüllt". Es könne
jedenfalls nicht genügen, dass die Regierung bedauert, dass es nicht
mehr Mittel gäbe. Herbst forderte die ehrliche Aufarbeitung der bisherigen
Ergebnisse und die Erhebung des tatsächlichen Reformbedarfs.
Sigmund beklagt verzweifelte Lage des FWF
Der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) steckt
laut FWF-Vizepräsident Karl Sigmund in einer verzweifelten Lage.
Der FWF müsse mit einem im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent geringeren
Budget auskommen. "In der letzten Kuratoriumssitzung konnten aus
diesem Grund keine weiteren Projekte genehmigt werden."
Sigmund stellte einen Vergleich mit anderen europäischen Fonds her.
So stünden in der Schweiz 280 Millionen Euro oder in Finnland 200
Millionen Euro zur Verfügung. Dazu komme die Unübersichtlichkeit
der österreichischen Situation. Das Geld komme von drei verschiedenen
Stellen.
Sigmund bezweifelte überdies die Erreichung des Zieles einer Forschungsquote
von 2,5 Prozent und stellte die Frage, wie ÖVP-Bundeskanzler Schüssel
die österreichischen Kürzungsmaßnahmen bei der europäischen
Regierungskonferenz im Herbst vertreten werde. Er forderte abschließend
die Abhaltung eines Runden Tisches mit
Regierungsvertretern und Universitätsvertretern.
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